Erinnerung an das KZ-Außenlager in Neufahrn

Ein Denk-Mal gegen das Vergessen

Vor 72 Jahren befreiten amerikanische Soldaten 500 Häftlinge aus dem KZ-Außenlager in Neufahrn. Pfarrer Otto Steinberger erzählte bei der Gedenkfeier und Weihe des Mahnmals an der Dietersheimer Straße 56 auch von seinen Erinnerungen.

1945 war Otto Steinberger ein kleiner Bub. Und er weiß noch immer, wie er eines Tages an der Kiesgrube an der Dietersheimer Straße 56, dem heutigen Gelände des Wasserzweckverbandes, stand und durch den Stacheldrahtzaun auf die dahinter liegenden Baracken schaute. Ein Mann hinter dem Stacheldraht hatte ein Holzspielzeug in der Hand; der kleine Otto betrachtete es fasziniert. „Willst du es haben?“, fragte der Mann. Steinberger bejahte. „Dann bring mir ein großes Stück Brot.“ Steinberger lief nach Hause, ließ sich von seiner Mutter einen großen Kanten Brot geben und tauschte. Er und seine Brüder hatten lange Zeit Freude an dem Spiel.

Am 10. April 1945 kam dieser Mann nach Neufahrn - zusammen mit 499 anderen. Die Nationalsozialisten hatten 500 Häftlinge aus dem Stammlager Dachau nach Neufahrn verlegt; sie sollten mit Pickeln und Schaufeln auf der Garchinger Heide eine Start- und Landebahn für Nachtjäger errichten, als Ersatz oder Ergänzung für den oft bombardierten nahen Flughafen Schleißheim. Wann das Lager, bestehend aus 18 Holzbaracken für 60 bis 80 Häftlinge, einer Wasch- und Küchenbaracke sowie einer Baracke als Krankenrevier, gebaut wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Sicher ist, dass die ausschließlich männlichen Gefangenen alle schon eine lange Leidenszeit in verschiedenen Konzentrationslagern hinter sich hatten, bevor sie nach Neufahrn verlegt wurden. Knapp die Hälfte der Insassen - politisch Verfolgte, Juden, Homosexuelle, Asoziale, Kriminelle aus Polen, der Sowjetunion, Italien, Frankreich und Deutschland - war erst wenige Wochen oder Tage aus dem KZ Natzweiler bei Straßburg nach Dachau gekommen. Unter ihnen waren auch Häftlinge, die zuvor in den KZ Mauthausen, Buchenwald, Sachsenhausen oder Auschwitz inhaftiert waren. Die meisten waren total abgemagert, dennoch mussten sie schwere körperliche Arbeit verrichten. Wer nicht mehr konnte, dem drohten Prügel. Am 29. April 1945 marschierten die Amerikaner in Neufahrn ein und befreiten damit auch die 500 Häftlinge. Bis zu ihrer Abreise versorgten die Einheimischen die ehemaligen Häftlinge, denen nach Weisung der Amerikaner täglich ein halber Liter Milch zustand. 483 der 500 Insassen überlebten. Einer, Josef von der Bank, fand in Neufahrn eine neue Heimat, gründete eine Familie und war mitbeteiligt am Aufbau des FC Neufahrn. 1977 starb von der Bank; er liegt in Neufahrn begraben. „Wir Neufahrner haben an diesem Nachmittag aufgeatmet“, erzählt Steinberger, der auf den Tag genau 72 Jahre später die Gedenk-Stele an der Dietersheimer Straße weihte. Rund 150 Menschen, darunter Landrat Josef Hauner und Landtagsabgeordneter Benno Zierer, waren bei der Feierstunde anwesend. 2,20 Meter ist das Mahnmal hoch. In Form eines gleichschenkligen Dreiecks betoniert symbolisiert die schlichte Stele den „Häftlingswinkel“, den die Gefangenen in unterschiedlichen Farben - je nach „Verbrechen“ - an ihrer Kleidung zu tragen hatten. Auf der Frontseite ist die bearbeitete Luftaufnahme der US-Airforce vom 20. April 1945 montiert, auf der das Außenlager gut zu erkennen ist. Darüber steht die Inschrift: „Zur mahnenden Erinnerung an 500 KZ-Häftlinge, die hier in Neufahrn, einem Außenlager des KZ Dachau, 1945 eingesperrt waren.“ Gemeinderat Markus Funke stiftete die Stele. Rund 200 Außenlager gab es in Bayern - und auch die dürfen nicht in Vergessenheit geraten, betonte Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten: „KZ bedeutet nicht nur Auschwitz, Dachau und Flossenbürg, sondern auch Landsberg, Mühldorf und Neufahrn.“

Quelle: freising-online

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